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Memnon – die singende Steinsäule

Von: Jens-Morten Hanssen

Umschlag Memnon. Sound Portraits of Ibsen Characters.

Peer Gynt trifft in Ibsens meisterhaftem Stück gleichen Namens auf viele wunderliche Gestalten, die singende Memnons-Säule im 4. Akt ist eine von ihnen. Eine schüchtern daherkommendes, aber doch bemerkenswertes Album des Duos Ruth Wilhelmine Meyer (Gesang) und Helge Lien (Klavier) – Memnon. Sound Portraits of Ibsen Characters – 2012 herausgegeben unter dem deutschen Label Ozella Music, stellt die Frage erneut: Kann eine Steinsäule singen? Dem Mythos nach jedenfalls kann das die Memnons-Säule, so paradox das auch klingen mag.

Es gibt mehrere Paradoxe in Bezug auf Meyer/Liens Album. Es nimmt seinen Ausgangspunkt in einer Sammlung von Figuren aus verschiedenen Werken Ibsens – von spitzen Zungen auch "der Dramatiker der sprechenden Köpfe" genannt – doch Meyers Gesang ist wortlos, non-verbal. Hedvig, Ellida, Hedda, Memnon, Anitra, Peer, der Dovre-Alte, Mutter Åse und Nora werden nicht mit Worten, sondern mit Tönen, Klängen, in von den beiden Mitwirkenden improvisierten musikalischen Kompositionen porträtiert.

Meyers Stimme ist bemerkenswert, sie umfasst fünf Oktaven. Sie benutzt sie als Instrument. Sie flüstert, atmet, keucht, knurrt, sie schafft den Obertongesang und den Kehlgesang. Ihr Vibrato ist einzigartig. Und was macht die völlig ausgeflippte Diplophonie (doppelter Toneinsatz der Stimmbänder) im Porträt der Hedda (Titel 3)? Keine Ahnung, aber das ist ein Abschnitt, der mir völlig den Atem verschlägt. Meyer hat ihre Ausbildung von der Grieg-Akademie in Bergen und vom Mozarteum in Salzburg. Sie nennt sich selbst "Vokalerforscher". Doch noch wichtiger an Memnon ist, wie die unterschiedlichen Ibsen-Figuren auf radikal neue und echt originelle Weise erforscht werden.

Der Jazzpianist Helge Lien ist ein äußert passender Dialogpartner für Meyer. Lien hat seine Ausbildung von der Norwegischen Musikhochschule und studierte bei dem russischen Pianisten Mischa Alperin Improvisation. Auch Lien erforscht sein Piano: als Klang-, Rhythmus- und Schlaginstrument. Zusammen mit Meyer schafft Lien das, was ein Musikkritiker "musikalische Psychogramme" der Ibsen’schen Gestalten nennt. Doch wie spielerisch probierend und experimentierend Meyer/Liens Annäherung an Ibsen auch ist – Ausgangspunkt ist ja die freie Improvisation – so scheinen ihre Kompositionen nahezu in Stein gemeißelt, um den reinen Kern herum modelliert, auch das ein frappierendes Paradox an diesem Album.

Dann bleibt selbstverständlich die Frage: Hören wir die Steinstatue singen? Ja, wahrlich, das tun wir in zwei Titeln (Titel 4 und 8). Das, was Meyer und Lien hier ausrichten, ist wie aus einer anderen Welt. Das ist so weit weg von allen Hitlisten und Justin Bieber, wie man nur kommen kann, aber dann auch wiederum völlig bezaubernd.

Memnon. Sound Portraits of Ibsen Characters hat in Norwegen, Deutschland und den USA strahlende Kritiken bekommen. Die norwegische Tageszeitung Hamar Arbeiderblad gibt dem Album ganze 6 von 6 Punkten. Die deutsche Internetseite Musik an sich vergibt die Toppnote (20 von 20). Jan Granlie bezeichnet sie in Jazznytt (Jazz-Nachrichten) als "eine strahlende Platte (...), die zunächst einmal einen unserer besten Jazzpianisten in einer etwas anderen musikalischen Landschaft zeigt, gleichzeitig hören wir ein wenig von dem, was zu Ruth Wilhelmine Meyers unglaublichem Stimmenuniversum gehört". (Lesen Sie hier die gesamte Kritik auf Norwegisch. Lesen Sie ebenfalls die Kritiken auf den deutschen Internetseiten Rocktimes und Jazz thing & Blue Rhythm.) Bjarne Søltoft, Musikkritiker für Jazznytt (Norwegen) und Jazz Special (Dänemark), schreibt in einem, im Beiheft zur CD abgedruckten Text: "Mit Memnon haben Ruth Wilhelmine Meyer und Helge Lien in Dialogform eine Musik ins Leben geholt, die an sich schon ein großes Spektrum von melodischen und harmonischen Bewegungen, im Spannungsbogen vom Lautlosen bis hin zum Verblüffenden, beinhaltet, gleichzeitig vermittelt sie sinnstiftende Sinnbilder ergreifender Gestalten und dramatischer Zustände. Ein Werk, das sowohl zum Erlebnis der Seele in der Musik als auch der Musik in der Seele einlädt."

Helge Lien und Ruth Wilhelmine Meyer. Foto: Ina Strøm
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Memnon. Sound Portraits of Ibsen Characters, Ruth Wilhelmine Meyer (Gesang) und Helge Lien (Klavier), Ozella Music 2012.

Titel:

  1. Hedvig (The Wild Duck)
  2. Ellida (The Lady from the Sea)
  3. Hedda (Hedda Gabler)
  4. Memnon I (Peer Gynt)
  5. Anitra (Peer Gynt)
  6. Peer and the Mountain King (Peer Gynt)
  7. Åse (Peer Gynt)
  8. Memnon II (Peer Gynt)
  9. Nora (A Doll's House)

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